„Enjoy the use of what you have and take care.“ Walter Stahel & Geneviève Reday-Mulvey

Kurzfassung des Films „50 Years of Circular Economy“ (auf Französisch, mit englischen Untertiteln)

Walter Stahel hält ein Buch in die Kamera. Auf der Rückseite ist ein Schwarzweissfoto: er selbst und Geneviève Reday-Mulvey, jung. Das Buch wurde 1981 in den USA publiziert, heisst „Jobs for Tomorrow“ und basiert auf einem Bericht, den die beiden 1976 am Battelle-Institut in Genf für die Europäische Kommission geschrieben haben. Der Film „50 Years of Circular Economy“ stellt ihn als weltweit ersten wissenschaftlichen Bericht zur Kreislaufwirtschaft vor. Erica Mazerolle, Felix Stähli und Christian Häuselmann besuchen die beiden dafür bei Walter Stahel zu Hause am Stadtrand von Genf. Den Begriff Kreislaufwirtschaft gab es damals noch nicht: Die beiden sprachen von einer „économie en boucle“, einer Wirtschaft in Schlaufen. 50 Jahre später, mitten in der KI-Revolution, ist „Jobs for Tomorrow“ aktueller denn je.

Arbeitskraft statt Energie

Die Idee zum visionären Bericht kommt aus der Praxis: Stahel ist Architekt, diplomiert 1971 an der ETH Zürich, und hatte zuvor einige Jahre in England vor allem Gebäude renoviert. Dabei lernte er: Wer ein Gebäude renoviert, statt es abzureissen, braucht viel mehr Arbeitskraft, von Architekten wie von Handwerkern, und es fällt praktisch kein Abfall an. Als er 1973 zu Battelle kam, steckte Europa in der ersten Ölpreiskrise, und die Arbeitslosigkeit war hoch. Seine Folgerung: Energie und Maschinen durch Arbeitskraft ersetzen und so beide Probleme zugleich an der Wurzel angehen.

Die Ökonomen bei Battelle und bei der Kommission in Brüssel teilten diese Sicht nicht. Für sie hiess Fortschritt, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen, nicht umgekehrt. Fast ein Jahr lang warb der Architekt in Brüssel von Tür zu Tür, oft bis spät am Abend, bis die Kommission ein kleines Budget sprach. Sein Chef bei Battelle unterschrieb den Vertrag nur unter zwei Bedingungen: Eine Ökonomin musste für den makroökonomischen Teil ins Team. Und würde Brüssel den Bericht nicht annehmen, wäre er entlassen.

Die Ökonomin war Geneviève Reday-Mulvey. Sie hatte in Grenoble Wirtschaft und Soziologie studiert, an der UCLA einen Master in Entwicklungsökonomie gemacht und im Senegal sowie bei der WHO gearbeitet. Bei Battelle hatte sie gerade kein Projekt, also sagte sie zu.

Drei Monate, drei Branchen

Drei Monate lang recherchierten die beiden unter Hochdruck. Sie untersuchten drei Branchen in Frankreich: den Bau, die Autoindustrie und die Baustoffe. Frankreich, weil gute französische Statistikdaten zugänglich waren und Paris von Genf aus leicht zu erreichen war. Die Zahlen holten sie in Ministerien und beim Statistikamt INSEE, denn im Computer gab es sie noch nicht.

Am Auto liess sich die Idee am deutlichsten zeigen. Bekannt war schon damals, auch wenn es nicht im Bericht steht, dass ein Volvo eine Lebenserwartung von 20 bis 22 Jahren hatte, ein Renault nur von 10 bis 12.

Ein Auto, das in der Herstellung zum Beispiel 30 Prozent mehr Energie braucht, aber doppelt so lange hält, spart pro Jahr viel Energie. Dafür braucht es mehr Reparaturen und Instandsetzungen, und dort lag das Potenzial für Arbeitsplätze: In der französischen Autoindustrie arbeiteten rund 300 000 Menschen, in den Garagen bereits rund eine Million. Die Ökonomin nennt diese Zahlen aus dem Gedächtnis und mit dem Hinweis, dass sie zu prüfen sind.

Überzeugt waren die Ökonomen damit noch nicht. Der Chefökonom von Battelle warf den beiden vor, mit den Dienstleistungen dem Problem auszuweichen: Wirtschaft, das war für ihn Produktion. In Brüssel fand man den Bericht sehr interessant, vermutete aber irgendwo einen Fehler. Gefunden hat ihn niemand. Nach mehreren Sitzungen entschied ein Chefökonom, das Falsifikationsprinzip von Karl Popper anzuwenden: Was sich nicht widerlegen lässt, ist als wahr anzunehmen.

Das war der Wendepunkt. Ab da hörten die Leute zu.

Vom Bericht zum Buch

Die Ökonomin verliess Battelle 1977, der Architekt 1979. Er bestand darauf, die Ergebnisse zu veröffentlichen, damit sie nicht verloren gehen. In Europa hätte es dafür einen Verlag gebraucht. In den USA ging es innert weniger Monate: 1981 erschien das Buch bei Vantage Press, auf Kosten der Autoren.

Walter Stahel erklärt auch, warum es heute über Google Books zu finden ist: Bücher aus den USA landen in der Library of Congress, die Google später gescannt hat. Der Untertitel trägt den Namen des Berichts: „The Potential for Substituting Manpower for Energy“. Nach Angaben der beiden fand das Buch in Japan und China mehr Echo als in Westeuropa und den USA.

Der ganze Dialog, eine Zeitreise, dauert eine Stunde und 47 Minuten und ist auf Französisch. Die beiden beschreiben darin auch, was damals ihr intellektuelles Innovationszentrum war: die Cafeteria von Battelle, wo sich Forschende aller Disziplinen austauschten, wo offene Begegnungen mit Industrie und Politik möglich waren und wo sie die Frage debattieren konnten, wie Reparieren und Wiederverwenden auch im Wohlstand attraktiv werden.

Das ganze Gespräch: Kreislaufwirtschaft, bevor sie so hiess (1 Stunde 47 Minuten, auf Französisch)

Was heute fehlt

Für Geneviève Reday-Mulvey lagen die Ideen schon in den 1970er-Jahren bereit, mit „Limits to Growth“ des Club of Rome, „Small is Beautiful“ und den Büchern von Ivan Illich. Mit der Finanzialisierung der Wirtschaft in den 1980er- und 1990er-Jahren wurden diese Lösungsansätze verdrängt und erst mit der Kreislaufwirtschaft wiederentdeckt. Wären sie damals umgesetzt worden, hätten wir heute nicht die grossen Probleme mit dem Klimawandel, sagt sie: „Wir haben eine Generation verloren.“

Walter Stahel hat die Kreislaufwirtschaft in den 1980er- und 1990er-Jahren weiterentwickelt. Ein Problem sieht er darin, dass sie unsichtbar ist: Für neue Autos gibt es grosse Werbung im Fussballstadion, für die Kreislaufwirtschaft nicht. Zudem braucht Reparatur Nähe. Ist der Kühlschrank kaputt und kommt der Elektriker aus Meyrin bei Genf, kostet die Anfahrt mehr als die Reparatur, also kauft man neu. Darum wehrt er sich gegen Pläne im Kanton Genf, Industrie- und Gewerbezonen in Wohnquartiere umzuwandeln. Ohne Reparaturwerkstätten in jeder Gemeinde funktioniert die Kreislaufwirtschaft für ihn nicht.

Wie gross der Hebel sein kann, zeigt eine Studie, die er für die Deutsche Bahn gemacht hat. Nach seinen Berechnungen kostet es 87 Prozent weniger, einen Hochgeschwindigkeitszug wiederaufzubereiten, als für dasselbe Ergebnis einen neuen zu kaufen, und es spart rund 90 Prozent des Materials und der Energie einer Neuproduktion. Die Manager überzeugte aber nicht der Preis, sondern der Nachweis, dass sich der Zug dabei technisch erneuern und mit zusätzlichen Sitzen ausstatten lässt.

Recycling kommt für Walter Stahel erst ganz am Schluss. Vorrang haben Wiederverwenden, Reparieren und Wiederaufbereiten. Dass er das heute auf LinkedIn kaum noch selbst schreiben muss, weil andere es für ihn tun, zeigt ihm, dass sich die Ideen verbreiten.

Wenn er vor Studierenden spricht, gibt er ihnen einen Slogan mit: „Enjoy the use of what you have and take care.“ Alles, was als neu verkauft, hergestellt und beworben wird, sollen sie vergessen oder zumindest kritisch hinterfragen.

Fazit: Von der ersten Idee bis zum breiten Durchbruch dauert es oft eine ganze Generation, 20 bis 30 Jahre. Und es braucht einen Mix aus starkem Willen, Mut, Humor, Passion und Zuversicht.

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